Ein Gemäde, dass ich selbst in New York im Museum fotografiert habe: Boccioni, U. (1913). Dinamismo di un calciatore [Dynamismus eines Fußballers] [Öl auf Leinwand, 193,2 × 201 cm]. Museum of Modern Art, New York.

Im Rausch der Geschwindigkeit. Warum KI unser Denken an seine Grenzen führt.

Es ist schon ein paar Jahre her, da stand ich im MoMA in New York vor Umberto Boccionis Dinamismo di un calciatore – fast zwei Meter hoch, fast zwei Meter breit, und trotzdem war nichts zu erkennen. Kein Spieler. Kein Ball. Kein Spielfeld. Nur Kraftlinien, Farbwirbel, eine Explosion aus Bewegung, die den Rahmen sprengt. Boccioni hatte 1913 keinen Fußballer gemalt. Er hatte gemalt, wie es sich anfühlt, mitten in der Bewegung zu sein – in einem Moment, der so schnell ist, dass er sich der Darstellung entzieht.

Ich habe lange vor diesem Bild gestanden. Und ich denke heute wieder daran. Denn dieses Gefühl ist zurück. Nur sitze ich diesmal nicht in einem Museum, sondern vor meinem Rechner.

Das alte Versprechen, neu formuliert

Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckten die Futuristen die Geschwindigkeit als ästhetische Kategorie. Marinetti schrieb 1909 in seinem Gründungsmanifest, Artikel 8:

Zeit und Raum sind gestern gestorben. Wir leben bereits im Absoluten, denn wir haben bereits die ewige, allgegenwärtige Geschwindigkeit erschaffen.

F. T. Marinetti, Manifeste du Futurisme, Le Figaro, 20. Februar 1909

Wenn System 2 sich überschlägt

Daniel Kahneman unterschied bekanntlich zwischen dem schnellen, impulsiven Denken – System 1 – und dem langsamen, überlegten Denken in System 2. Genau dieses langsame Denken, das Abwägen, das Strukturieren, das Vorausschauen, brauchen wir jetzt dringender denn je. Und gleichzeitig wird es durch KI in eine Geschwindigkeit katapultiert, die es an seine eigenen Grenzen führt.

Ich fange morgens an zu denken und habe abends mehrere Prototypen entworfen und verworfen. Neue Probleme entdeckt, gelöst, weitergedacht. Die KI hält Schritt – sie wird nicht müde, nicht schwindlig, nicht ungeduldig. Mein Gehirn schon. Irgendwann setzt es aus. Braucht Stille. Braucht Schlaf. Und am nächsten Morgen geht es weiter.

Das ist der neue Rausch der Geschwindigkeit: nicht körperlich, sondern kognitiv. Nicht die Frage, wie viel Beschleunigung meine Wirbelsäule aushält, sondern wie viel mein Denken verträgt, bevor es kollabiert.

Das Ende der Entwicklerteams, der Anfang der Architekten

Wir reden heute nicht mehr über KI als singuläres Chat-System. Wir reden über orchestrierte Agentensysteme, die große Projekte bearbeiten, Ideen ausarbeiten, Strukturen aufbauen, Prototypen generieren. Das verändert radikal, welche Rolle der Mensch spielt.

Markus Andrezak, Gründer von überproduct und einer der klügsten Köpfe im deutschsprachigen Produktdenken, bringt es auf den Punkt: Das Modell ist nicht mehr das Entwicklerteam. Es ist der Produktmanager, der Konzeptarchitekt – der Mensch, der mit Sachverstand beschreibt, was gebaut werden soll, und dann iterativ mit KI-Agenten umsetzt, was früher Jahre gedauert hat. In Minuten, Stunden, höchstens Tagen. Entscheidend ist dabei, wofür diese Geschwindigkeit frei wird: Andrezak nutzt KI-generierte Dokumente, Prototypen und Szenarien als Material, das er in Echtzeit ins Gespräch mit Stakeholdern bringt – nicht als fertige Antworten, sondern als Denkwerkzeuge, die helfen, schneller auf den Punkt zu kommen. Was wirklich zählt. Wo die Reise hingeht. Die KI beschleunigt nicht das Gespräch – sie verdichtet es.

Was wir brauchen, sind keine schnelleren Menschen. Was wir brauchen, sind Menschen, die wissen, welche Fragen sie stellen.

Achtsamkeit als Überlebensstrategie

Den Wettlauf gegen die Geschwindigkeit werden wir verlieren. Das ist keine Drohung – das ist eine Tatsache. KI ist schneller. Wird immer schneller sein. Was sie nicht ist: kreativ im menschlichen Sinne. Vorausschauend. Fähig, sich mit anderen Menschen zu verbinden und aus dieser Verbindung heraus etwas zu schaffen, das größer ist als die Summe seiner Teile.

Wir stehen gerade an einer Grenze, die der von Boccionis Futuristen nicht unähnlich ist. Nur dass es diesmal nicht die Netzhaut ist, die mit dem Tempo nicht mitkommt, sondern der Geist. Und die ehrliche Frage lautet nicht: Wie werden wir schneller? Sondern: Wie halten wir das aus, ohne darunter zusammenzubrechen?

Lass uns achtsam miteinander sein. Wir verschieben gerade die Grenzen der Menschheit. Das verdient Sorgfalt.

Quellen & Anmerkungen

  1. Boccioni, U. (1913). Dinamismo di un calciatore [Dynamismus eines Fußballers] [Öl auf Leinwand, 193,2 × 201 cm]. Museum of Modern Art, New York. https://www.moma.org/collection/works/80009
  2. Marinetti, F. T. (1909, 20. Februar). Manifeste du Futurisme. Le Figaro.
  3. Kahneman, D. (2011). Thinking, fast and slow. Farrar, Straus and Giroux.
  4. Andrezak, M. (o. J.). überproduct – Produktberatung für Strategie, Discovery und Innovation. https://ueberproduct.de/
  5. Andrezak, M. (2025, 27. November). Slowing down the core to be nimble. The Intentful Company. https://intentful.ueberproduct.de/p/slowing-down-the-core-to-be-nimble