Es ist ein klarer Tag im Februar. Der Rhein liegt breit und ruhig vor mir. Die Luft ist noch kühl, das Licht schon hell. Das Wasser glitzert. Winkt da jemand von der anderen Seite? Das Ufer dort drüben scheint zum Greifen nah. Und ich bin kein schlechter Schwimmer.
Und springe rein.
Was ich nicht sehe: Unter der glatten Oberfläche arbeitet der Fluss. Strömungen und Stromschwellen, die keine Karte der Welt anzeigt. Der Rhein ist kein See. Das wissen wir eigentlich alle. Er fließt. Und er führt so vieles mit sich. Alles, was den Weg in ihn hineingefunden hat. Der Rhein hat ein Flussbett, das durch Jahrhunderte geformt wurde – durch Engen, Einmündungen, Umformungen. Wer das nicht weiß, unterschätzt ihn.
Doch genau das passiert regelmäßig. Und jedes Jahr – so schreibt es die Badestatistik nüchtern fest – gehen Menschen im Rhein unter. Auch die, die gute Schwimmer waren.
Wer im Strom gefangen ist, kämpft zunächst. Er kämpft gegen die Strömung, für den eigenen Kurs, um die verlorene Richtung. Und erschöpft sich. Was dann hilft, ist das Gegenteil von Kämpfen: Sich treiben lassen. Kräfte schonen. Auf das Boot warten.
Das Wattenmeer
Ein zweites Bild fügt noch etwas hinzu.
Im Wattenmeer entstehen die gefährlichen Unterströmungen nicht aus einer einzigen Kraft, sondern aus dem Aufeinandertreffen zweier Kräfte: dem Fluss, der hinaus will, und der Flut, die herein drängt. Keine der beiden ist böse. Keine handelt mit Absicht. Aber wo sie sich begegnen, entstehen Sog und Strudel – unsichtbar, unkalkulierbar, real.
Das ist ein wichtiges Bild. Nicht ein böser Akteur und ein guter. Nicht Schuld auf einer Seite. Zwei Logiken, zwei Dynamiken, zwei Geschichten, die aufeinanderprallen – und dabei etwas erzeugen, das keiner von beiden gewollt hat.
Was wir im Raum nicht benennen
Zurück vom Wasser in den Besprechungsraum.
Eine Gruppe arbeitet an einem Text, an einem Konzept, an einer Entscheidung. Es geht um Details. Ein Satz. Eine Formulierung. Einer widerspricht. Dann ein anderer. Die Einigung scheint nah, der Durchbruch gelingt nicht. Immer wieder. Immer am gleichen Punkt – oder an einem neuen Punkt, der sich verdächtig ähnlich anfühlt.
Die übliche Diagnose: Wir haben ein Sachproblem. Die vielleicht nützlichere Diagnose: Wir haben eine Unterströmung.
Was auf der Oberfläche wie ein Detailkonflikt aussieht, ist meistens der sichtbare Ausdruck von etwas, das tiefer liegt und nicht ausgesprochen wird. Nicht weil die Menschen böswillig wären. Ganz im Gegenteil: Weil sie rücksichtsvoll sind. Weil sie niemanden verletzen wollen. Weil sie nicht gegen Gruppenwerte verstoßen wollen. Weil sie nicht wissen, wie Einzelne oder die ganze Gruppe reagieren werden, wenn das Eigentliche zur Sprache kommt.
Das ist der eigentliche Elefant im Raum – nur dass das Bild nicht ganz passt. Ein Elefant ist offensichtlich. Was wir hier haben, ist unter der Oberfläche. Es ist kein Elefant. Es ist eine Strömung.
Was Schulz von Thun dazu sagen würde
Friedemann Schulz von Thun beschreibt es so: Jede Nachricht hat vier Seiten – Sachinhalt, Selbstoffenbarung, Beziehungsebene, Appell. Wenn Gespräche festlaufen, dann fast immer nicht auf der Sachebene. Der Konflikt entzündet sich an der Formulierung, aber er lebt auf der Beziehungsebene: Ich vertraue dir nicht. Ich fühle mich übergangen. Du bist nicht auf meiner Seite.
Das wird nicht gesagt. Es kann nicht gesagt werden – noch nicht. Also fließt es in die Sache, verkleidet als Argument, als Einwand, als Widerspruch gegen den falschen Satz.
Sein Konzept des inneren Teams geht noch weiter: Auch innerhalb einer Person gibt es widerstreitende Stimmen, die nicht alle am Tisch sitzen dürfen. Wer immer wieder blockiert, kämpft vielleicht mit einer inneren Stimme, die er der Gruppe gegenüber nicht zeigen kann – oder will.
Was Carl Rogers dazu sagen würde
Carl Rogers würde die Unterströmung als inkongruente Erfahrung beschreiben. Jemand macht eine innere Erfahrung – Angst, Kränkung, Misstrauen – die nicht mit dem offiziellen Selbstbild oder der Gruppenkultur vereinbar ist. Diese Erfahrung wird also nicht in den Bewusstseinsstrom zugelassen. Sie bleibt aber wirksam. Unsichtbar, aber real.
Rogers‘ Antwort darauf ist kein Gesprächstrick, keine Technik. Es ist eine Haltung: bedingungslose positive Wertschätzung. In einem Klima, in dem Menschen keine Abwertung fürchten müssen – in dem also psychologisch sicher ist, was gesagt wird – können Inkongruenzen an die Oberfläche kommen.
Das ist auch eine Aussage über Gruppenkultur. Unterströmungen entstehen dort, wo es nicht sicher ist, bestimmte Dinge zu sagen. Nicht weil einzelne Personen schwach sind – sondern weil das System es nicht erlaubt.
Psychologische Sicherheit – der Begriff, der es fasst
Die Organisationsforscherin Amy Edmondson hat diesem Phänomen einen Namen gegeben, der heute in der Organisationsentwicklung fest verankert ist: Psychological Safety – psychologische Sicherheit.
Sie konnte empirisch zeigen: In Gruppen mit geringer psychologischer Sicherheit werden bestimmte Wahrnehmungen systematisch nicht geäußert. Nicht aus Böswilligkeit. Aus Selbstschutz. Die Person weiß etwas. Sie spürt etwas. Und sie sagt es nicht – weil sie sich nicht sicher ist, wie es aufgenommen wird.
Chris Argyris beschreibt mit seinem Konzept der defensive routines noch eine Dimension tiefer: Gruppen entwickeln kollektive Schutzmechanismen, die verhindern, dass bestimmte Themen überhaupt auf den Tisch kommen. Das Tückische dabei: Die Gruppe weiß oft gemeinsam, dass sie etwas nicht anspricht. Und spricht auch das nicht an.
Mit Argyris könnten wir das double-loop ignorance nennen– eine doppelte Blindheit. Wir wissen, dass wir nicht hinschauen. Und wir schauen auch darauf nicht hin.
Das Boot – Moderation als Navigation
Zurück an den Rhein.
Wer im Strom gefangen ist, braucht ein Boot. Nicht jemanden, der brüllt: „Schwimm stärker!“ Nicht jemanden, der erklärt, wie Strömungen funktionieren. Sondern jemanden, der von außen kommt, den die Strömung selbst nicht mitreißt, der navigieren kann.
Das ist das Bild für gute Moderation in einem Konflikt mit Unterströmungen.
Der Moderator bekämpft die Strömung nicht. Er benennt sie. Er fragt nach ihr. Er hält das Boot ruhig – während er den Grund erkundet.
Die drei Fragen, die dabei helfen:
- „Wo fließt hier eigentlich was?“ – Was ist die eigentliche Bewegung in diesem Konflikt? Nicht: Was sagen die Menschen. Sondern: Wohin zieht es?
- „Woher kommt diese Strömung?“ – Was ist die Geschichte dahinter? Welche Erfahrungen, Verletzungen, Erwartungen haben sich in diesen Unterstrom eingeschrieben?
- „Wann wurde dieses Flussbett gelegt?“ – Die tiefste Frage. Denn ein Flussbett ist nie neu. Es entsteht über die Zeit.
Manchmal liegt der Ursprung einer Gruppenströmung Monate oder Jahre zurück – in einer Entscheidung, die nie verarbeitet wurde. In einem Verhalten, das nie angesprochen werden konnte. In einem Moment, in dem jemand etwas gespürt aber nicht ausgesprochen hat. Und der Fluss hat sich von da an seinen Weg gebahnt.
Was das für die Praxis bedeutet
Wenn ein Gespräch immer wieder an ähnlichen Punkten festhängt – wenn Einigungen nah wirken und doch nie gelingen – dann ist das ein verlässliches Diagnosesignal. Nicht für ein Sachproblem. Für eine Unterströmung.
Die Intervention beginnt nicht mit einer Lösung. Sie beginnt mit einer Beobachtung, die ausgesprochen wird – ohne Schuldzuweisung, ohne Urteil:
„Ich beobachte, dass wir uns immer wieder an ähnlichen Punkten verhaken. Und ich möchte mich und uns selbst mutig fragen: Was ist das eigentlich, worüber wir hier noch nicht gesprochen haben?“
Das ist keine rhetorische Frage. Es ist der Beginn archäologischer Arbeit. Und sie kann nur gestellt werden, wenn das Boot ruhig liegt – wenn die Person, die fragt, selbst nicht im Strom gefangen ist.
Manchmal braucht es auch den Schritt aus dem Plenum heraus. Ein Einzelgespräch kann aufdecken, was vor der Gruppe nicht sagbar ist. Menschen sagen im Vier-Augen-Gespräch Dinge, die sie im Raum nie äußern würden. Das ist keine Schwäche – das ist so menschlich.
Ein letzter Gedanke
Der Elefant im Raum ist das falsche Bild. Er impliziert, dass alle wegsehen – aus Feigheit, aus Bequemlichkeit. Doch was wir in Gruppen erleben, ist meistens das Gegenteil: Menschen, die aufpassen. Die rücksichtsvoll sind. Die schützen wollen – den anderen, die Gruppe, die Beziehung. Sich selbst.
Das Wasser ist das bessere Bild. Weil es zeigt, dass die Gefahr nicht im bösen Willen liegt. Sondern in dem, was unsichtbar unter der Oberfläche fließt.
Und weil es zeigt: Man kann damit umgehen. Wenn man es kennt. Wenn man navigiert, statt kämpft. Wenn das Boot zur richtigen Zeit kommt.
Der Rhein fließt weiter. Er ist immer schon geflossen. Die Frage ist nicht, ob es Unterströmungen gibt. Die Frage ist: Wer kennt den Fluss gut genug, um zu navigieren?
Quellen & Anmerkungen
- Smith, M. K. (2001, 2013. Updated: August 6, 2025). Chris Argyris: theories of action, double-loop learning and organizational learning. infed.org. https://infed.org/dir/chris-argyris-theories-of-action-double-loop-learning-and-organizational-learning/ – Der Begriff double-loop ignorance ist eine sinngemäße Übertragung, keine direkte Formulierung von Argyris. Argyris beschreibt verwandte Phänomene unter den Begriffen Defensive Routines und skilled incompetence – die Tendenz von Gruppen, Probleme geschickt zu umschiffen, ohne sie zu benennen.
- Edmondson, A. C. (2018). The fearless organization: Creating psychological safety in the workplace for learning, innovation, and growth. Wiley.
- Rogers, C. R. (1961). On becoming a person: A therapist’s view of psychotherapy. Houghton Mifflin.
- Schulz von Thun, F. (1981). Miteinander reden 1: Störungen und Klärungen. Rowohlt.
- Schulz von Thun, F. (1998). Miteinander reden 3: Das innere Team und situationsgerechte Kommunikation. Rowohlt.


