Skulptur aus den Die Gärten von Schloss Trauttmansdorff, Südtirol.

Projektmanagement und KI: Schneller, smarter – und menschlicher denn je.

Mitte der Neunziger haben wir an der Uni Köln unsere ersten Webseiten gebaut. Zuerst für die Institute, in den wir als Hilfskräfte arbeiteten, dann für den WDR. Das Netz war neu, die Spielregeln offen – und es gab so viel zu erforschen. Und zu lernen. 1998 gründeten wir dann unsere eigene Online-Agentur – mitten in dieser Goldgräberstimmung. Es hat sich angefühlt, als würde sich die Welt gerade neu erfinden.

Ein paar Jahre später kamen die Smartphones. Und mit ihnen ein Paradigmenwechsel: Nicht mehr alles auf den großen Bildschirm packen – sondern radikal reduzieren auf das Wesentliche. Mobile First hat uns gezwungen, wirklich zu denken, was genau jetzt wichtig ist.

Agile hat dasselbe mit dem Projektmanagement gemacht: Kein Masterplan – sondern Orientierung, wenn es mal wieder komplex wird. Iterieren statt verwalten.

Drei Wellen. Jedes Mal ein neues Denken. Jedes Mal die Chance, früh dabei zu sein.

KI fühlt sich anders an. Nicht wie eine weitere Welle – eher wie ein Gezeitenwechsel. Wer heute nicht mitschwimmt, ist morgen abgehängt. Damals mussten wir mühsam lernen, selbst Quellcode zu schreiben. Heute installiert die KI die Sprache selbständig, die sie für ihre Aufgabe braucht, schreibt den Code und verbessert ihn so lange, bis die Aufgabe erfüllt ist. Nicht in Wochen. In Minuten.

Wie genau die KI-geprägte Arbeitswelt von morgen aussehen wird, wissen wir noch nicht. Aber dass intelligente Systeme unseren Arbeits- und Lebensalltag durchdringen werden – so wie Computer oder das Internet es vor Jahrzehnten getan haben – daran besteht kein Zweifel. Die Frage ist nicht ob, sondern wie schnell. Und ich bin überzeugt: Projektmanagerinnen und Projektmanager, die das verstehen, werden gebraucht wie nie.

Was Projektmanagement im Kern ist – und bleibt

Was hat sich bei all diesen Wellen eigentlich nicht verändert? Das Grundprinzip unserer Arbeit: Etwas, das noch nicht existiert, in die Realität bringen. Menschen, Interessen und Ressourcen so zusammenführen, dass am Ende etwas Neues entsteht. Ob mit Wasserfallplan oder Backlog – das Handwerk hat sich entwickelt, das Wesen der Aufgabe nicht.

Projektmanagerinnen und Projektmanager verbinden. Sie übersetzen – zwischen Auftraggebern und Teams, zwischen Zielen und Interessen, zwischen Anspruch und dem Machbaren.

Das kann keine KI übernehmen. Und ich bezweifle, dass sie es je vollständig können wird.

Was sich verändert, ist das Tempo. Und damit die Erwartungen an uns.

Was KI bereits heute übernimmt

Wer heute KI-Werkzeuge ernsthaft im Projektalltag einsetzt, erlebt das hautnah. Ein Produktbacklog, für das man früher einen halben Tag gebraucht hätte – fertig in Minuten. Projektpläne aus wenigen Stichpunkten generiert, Risiken identifiziert, bevor der erste Kick-off-Termin stattgefunden hat. Was früher Stunden am Gantt-Diagramm bedeutete, ist heute eine Frage von Augenblicken.

Und das ist erst der Anfang. KI-Agenten schreiben Code, testen ihn, verbessern ihn – selbstständig. Sie entwerfen Präsentationen, fassen Meetings zusammen, analysieren Stakeholder-Feedback. Und wieder: Vieles davon passiert nicht mehr in Wochen, sondern in Echtzeit.

Gartner hat bereits 2019 prognostiziert, dass bis 2030 bis zu 80 Prozent klassische Projektmanagement-Aufgaben durch KI übernommen werden könnten – Datenaggregation, Tracking, Reporting. Die Zahl wird diskutiert, die Richtung nicht.

Was das bedeutet? Der Marktstandard verschiebt sich. Wer KI noch nicht nutzt, wird langsamer sein. Und teurer. Das werden Kunden und Auftraggeber spüren – und einfordern. Ich würde es an ihrer Stelle schon heute tun.

Die unbequeme Wahrheit: Die meisten sind noch nicht bereit

Und dennoch: Die meisten sind noch nicht wirklich dabei. Das PMI hat es gemessen – nur rund 20 Prozent der Projektmanagerinnen und Projektmanager haben echte Praxiserfahrung mit KI-Tools. Fast die Hälfte hat kaum Berührungspunkte damit.

Ich finde das ehrlich gesagt erstaunlich. Denn die Werkzeuge sind da. Sie sind zugänglich. Und sie verändern bereits jetzt, was möglich ist.

Das ist keine Beruhigung – es ist ein Weckruf. Wer jetzt nicht anfängt, wird die Lücke nicht in einem Sprint aufholen. Die Schere zwischen denen, die KI beherrschen, und denen, die noch zuschauen, öffnet sich gerade. Jeden Moment ein Stück weiter.

Das neue Quality Gate: Der Projektmanager als kritischer Denker

Was bedeutet das für unsere Rolle? Wir werden zum Quality Gate für das, was KI liefert.

Das generierte Backlog – passt es wirklich zum Kundenbedürfnis? Der Projektplan – bildet er die organisatorische Realität ab oder nur eine plausible Version davon? Die identifizierten Risiken – sind es die richtigen? KI kann das nicht selbst beurteilen. Sie arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten, nicht mit Verständnis. Sie kennt nicht die unausgesprochene Sorge des Sponsors. Nicht die Dynamik im Team. Nicht das, was zwischen den Zeilen steht.

Und hier liegt eine Gefahr: Wer KI-Outputs unkritisch übernimmt, weil sie schnell sind und überzeugend klingen, handelt fahrlässig. KI kann halluzinieren. Sie kann selbstsicher falsch liegen. Das kritische Urteil bleibt unsere Aufgabe – und wird es bleiben.

Kritisches Urteilsvermögen gegenüber KI-Ergebnissen ist deshalb keine Nice-to-have-Kompetenz. Es ist unsere Kernaufgabe.

Liefern und lernen – gleichzeitig

Gute Projektmanagerinnen und Projektmanager haben schon immer in zwei Richtungen gedacht: das aktuelle Projekt liefern und gleichzeitig die eigene Arbeitsweise verbessern. Beides gehört zusammen.

KI macht genau das jetzt zwingend. Wer nur liefert, ohne zu lernen, wie KI seine Arbeit verändert, verliert den Anschluss. Wer nur experimentiert, ohne zu liefern, verliert die Glaubwürdigkeit. Die Kunst liegt darin, beides gleichzeitig zu können – und dabei keinen Zentimeter beim Qualitätsstandard nachzugeben.

Das ist keine neue Erkenntnis. Aber sie gilt gerade mehr denn je.

Der Unterschied, den Menschen machen

Was kann KI nicht?

Sie kann keinem Sponsor in die Augen schauen und eine schwierige Botschaft so überbringen, dass er ihr vertraut. Sie kann nicht spüren, wenn ein Team kurz vor dem Zusammenbruch steht. Sie kann nicht zwischen den Zeilen lesen, wenn ein Kunde sagt, es sei alles in Ordnung – obwohl es das nicht ist. Sie kann keine Beziehungen aufbauen. Keine Verantwortung übernehmen. Niemanden wirklich überzeugen.

Das ist nicht wenig. Das ist der Kern unserer Arbeit – und er bleibt menschlich.

Menschen zusammenbringen, Interessen übersetzen, eine gemeinsame Richtung finden und halten – auch wenn es schwierig wird. Genau das wird in einer Welt, die KI-gestützt immer schneller wird, wichtiger, nicht unwichtiger.

Daten von PMI belegen, was viele intuitiv ahnen: Organisationen, die KI-gestützte Tools aktiv einsetzen, liefern ihre Projekte signifikant häufiger pünktlich und erzielen messbar bessere Ergebnisse. KI als Werkzeug funktioniert. Aber sie funktioniert nur in den Händen von Menschen, die wissen, was sie damit tun.

Fazit: Gefordert wie nie – aber anders als je zuvor

Mitte der Neunziger haben wir nicht gewartet, bis das Internet fertig war. Wir haben einfach angefangen.

Das ist die Haltung, die jetzt gefragt ist.

Projektmanagerinnen und Projektmanager, die KI klug einsetzen, werden nicht ersetzt – sie werden befreit. Von Routinearbeit, von Planungsmechanik, von allem, was uns vom Wesentlichen abgehalten hat. Und gleichzeitig mehr gefordert als je zuvor: als Urteilsvermögen, als Bindeglied, als der Mensch im System, der weiß, was KI nicht kann.

Das Zeitalter der KI ist kein Ende unseres Berufs. Es ist die nächste, spannende Etappe.

Wer jetzt anfängt, wird den Unterschied machen.

Quellen & Anmerkungen

  1. Castello, K. (2019, 20. März). Gartner says 80 percent of today’s project management tasks will be eliminated by 2030 as artificial intelligence takes over. Gartner.
    https://www.gartner.com/en/newsroom/press-releases/2019-03-20-gartner-says-80-percent-of-today-s-project-management
  2. Project Management Institute. (2023). AI innovators: Cracking the code on project performance. Project Management Institute.
    https://www.pmi.org/learning/thought-leadership/pulse/ai-innovators
  3. Project Management Institute. (2023). Shaping the future of project management with AI.
    https://www.pmi.org/learning/thought-leadership/shaping-the-future-of-project-management-with-ai

Anmerkung zur Gartner-These: Die vielzitierte Prognose, dass 80 Prozent der Projektmanagement-Aufgaben bis 2030 durch KI übernommen werden, entstammt einer Gartner-Pressemitteilung von März 2019, die ursprünglich als Konferenzankündigung veröffentlicht wurde. Sie bezieht sich ausdrücklich auf abgrenzbare Routinefunktionen wie Datenaggregation, Tracking und Reporting – nicht auf das Berufsfeld als Ganzes.