Boot in Venedig auf dem Kanal vor einem Palast.

Was trägt, wenn die Geschichte reißt. Über Markierungen, narrative Anker — und eine andere Art von Beratungsarbeit.

Wenn Organisationen in Schwierigkeiten geraten, lautet die erste Frage fast immer: Was soll sich ändern? Selten: Was ist hier eigentlich wahr?

Die naheliegende Antwort auf die erste Frage lautet: eine neue Geschichte erzählen. Vision entwickeln, Leitbild formulieren, Zukunft entwerfen. Aber das greift nicht, weil es genau die Kohärenz voraussetzt, die hergestellt werden soll. Man kann keine neue Geschichte in einen Riss einschreiben. Sie findet keinen Halt. Sie rutscht ab.

Was also stattdessen?

Drei Markierungen. Alle prima.

In einem Beratungsprojekt entstanden kürzlich drei Sätze, die eine Organisation beschreiben sollten:

  1. Maßarbeit schlägt Konfektionsware.
  2. Ausdauer vor Geschwindigkeit.
  3. Vorsprung durch eigene Entwicklung.

Alle drei klingen gut. Stolz, Handwerk, Qualität. Jedes Unternehmen würde sie unterschreiben wollen.

Und alle drei erzählen gleichzeitig eine andere Geschichte. Eine, die das Unternehmen so nicht erzählen würde:

Wir sind nicht schnell, weil wir jedes Mal neu anfangen. Wir sind individuell – und deshalb teurer. Eigene Entwicklung braucht Zeit und Geld, die nicht immer da sind.

Das ist nicht Widerspruch. Es ist Dichte. Jede dieser Markierungen trägt beide Seiten gleichzeitig: den Stolz und seinen Preis. Die Stärke und die Zumutung, die in ihr steckt.

Was Markierungen sind – und was nicht.

Markierungen sind nicht das, was ein Unternehmen über sich sagt. Sie sind das, was sichtbar bleibt, wenn man das Gesagte beiseitelegt.

Sie entstehen nicht im Workshop. Sie werden gefunden: in Beobachtungen, in Geschichten, in dem, was beiläufig gesagt wird und dann im Raum hängt. In dem, was alle wissen und niemand ausspricht.

Und sie haben immer zwei Seiten.

Die Oberseite schimmert. Sie ist der Teil, den das Unternehmen gerne zeigt, gerne erzählt, gerne glaubt. Sie ist nicht falsch – sie ist real. Aber sie ist unvollständig.

Die Unterseite will niemand. Sie tut weh, bis ins Mark. Weil sie nicht eine Information liefert, sondern eine Geschichte berührt, die jemand über sich selbst trägt. Maßarbeit schlägt Konfektionsware ist kein Werbeslogan. Es ist ein Versprechen, das seinen Preis hat. Wer diese Markierung wirklich annimmt, muss auch annehmen: Wir werden nie die Günstigsten sein. Wir werden nie die Schnellsten sein. Das ist unsere Wahl – bewusst oder nicht.

Wenn das nicht bewusst ist, entsteht der Riss.

Markierungen können verneint werden – und das ist ihre Stärke.

Es gibt einen einfachen Test, ob ein Satz eine echte Markierung ist oder eine Geste: Kann man das Gegenteil wählen, ohne sich zu schämen?

Maßarbeit schlägt Konfektionsware – ein anderes Unternehmen darf genau die andere Seite wählen. Skalierung statt Handwerk. Standardprodukt statt Maßlösung. Das ist eine legitime unternehmerische Entscheidung. Beide Wege sind möglich. Die Markierung sagt: Wir haben uns für diesen entschieden.

Eine Vision kennt das nicht. Wir wollen die führende Adresse für Präzisionsteile in Europa sein – wer würde das Gegenteil wählen? Niemand. Und genau deshalb ist es keine Markierung. Es ist eine Superlativ-Geste ohne Substanz, weil sie keine Wahl trifft. Sie unterscheidet nichts. Sie verpflichtet zu nichts.

Markierungen sind Landmarken, wie alte Meilensteine am Wegesrand. Sie zeigen nicht, wohin man muss. Sie zeigen, wo man steht und welche Richtung man gewählt hat. Eine andere Firma darf ruhigen Gewissens die andere Richtung einschlagen. Das ist keine Niederlage, das ist der Beweis, dass die Markierung etwas bedeutet.

Markierungen als narrative Anker.

Ricœur unterscheidet zwei Arten von Identität: idem: das, was gleichbleibt, das Substrat – und ipse: das, was sich erzählt, das Selbst in Bewegung. Eine Organisation in einem existenziellen Übergang verliert nicht ihr idem. Sie verliert den Faden zu ihm.

Markierungen sind der Weg zurück.

Nicht weil sie die Vergangenheit festschreiben. Sondern weil sie zeigen, was wirklich da ist. Was trägt, auch wenn alles andere in Bewegung ist. Sie sind keine Beschreibungen. Sie sind Anker: Punkte, an denen eine neue Geschichte ansetzen kann, ohne ins Leere zu greifen.

Das ist der Unterschied zur Leitbildarbeit. Ein Leitbild überschreibt die Geschichte. Eine Markierung legt frei, was in ihr bereits steckt.

Eine andere Art von Arbeit.

Wer bei Markierungen beginnt, stellt eine andere erste Frage. Nicht: Was soll sich ändern? Sondern: Was ist hier eigentlich wahr?

Das klingt einfacher, als es ist. Denn die Antwort liegt selten oben. Sie liegt in der Dichte, in dem, was ein Unternehmen gleichzeitig stark und verletzlich macht. Und sie wird nicht gefunden, indem man Fragen stellt. Sie wird gefunden, indem man genau hinschaut, genau zuhört und aushält, was sichtbar wird.

Der Berater ist in diesem Bild kein Problemlöser. Er ist jemand, der begleitet, was eine Organisation über sich herausfinden kann. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

Was das verlangt.

Beide Seiten der Markierung aushalten: das ist die eigentliche Zumutung dieser Arbeit. Lieber oben schimmern und strahlen. Die Unterseite will niemand.

Aber erst wenn beide Seiten da sind, erst wenn das Unternehmen seine Geschichte in ihrer vollen Dichte kennt, kann eine neue Geschichte beginnen. Eine, die trägt. Eine, die nicht reißt.

Wie diese Geschichte gefunden wird, welche Fragen dazu gehören, welche Beobachtungen, welche Momente, das ist das Thema des nächsten Posts.

Quellen & Anmerkungen

  • Frisch, M. (1954). Stiller. Suhrkamp.
  • Ricœur, P. (1990). Soi-même comme un autre. Éditions du Seuil. (Dt.: Das Selbst als ein Anderer, Wilhelm Fink, 1996.)