Ich stehe in der Küche. Kaffee, Milch, kein Löffel. Ich schaue zu, wie sich die Milch ihren Weg bahnt – Schlieren, helle Zonen, dunkle Zonen, ein unruhiges Muster, das sich langsam, fast widerwillig auflöst. Und dann, irgendwann: gleichmäßiges Braun. Stille.
Es gibt einen Gedanken, der mich seit Wochen begleitet und nicht loslässt – und irgendwie bin ich nicht froh darüber, ihn gedacht zu haben. Er begann bei einem Physikgesetz. Er endete bei Trümmerfeldern.
Über die Klippe hinunter ins Chaos
Dave Snowden beschreibt in seinem Cynefin-Framework verschiedene Domänen, in denen sich Systeme bewegen, also Organisationen, Teams – ja, ganze Gesellschaften. Was mich daran seit Jahren fasziniert, ist eine kleine, unscheinbare Klippe: jene zwischen Ordnung und Chaos. Man fällt über sie – oft ohne es zu merken. Weil man sich so selbstsicher in seiner selbst geschaffenen Ordnung bewegt – bis man auf einmal unten ist.
Mich hat in letzter Zeit die Gegenfrage beschäftigt: Gibt es diese Klippe auch in die andere Richtung? Führt Chaos, wenn es weit genug getrieben wird, irgendwann wieder zu Ordnung?
Die Physik sagt – soweit ich sie verstehe: Ja.
Der zweite Hauptsatz und eine Tasse Kaffee
Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik beschreibt, was in einem geschlossenen System unweigerlich passiert: Das Maß an Unordnung – die Entropie – nimmt zu. Immer weiter, bis es sein Maximum erreicht.
Was ich in der Küche beobachte, ist genau das. Die Milch verteilt sich nicht, weil ich sie dazu bringe. Sie verteilt sich, weil das System keinen anderen Weg kennt. Aus zwei getrennten Dingen entsteht etwas Synthetisches, Neues.
Das Chaos war kein Endpunkt. Es war ein Durchgang zu einem neuen Gleichgewicht.
Zwei Gesichter von Chaos
Bevor ich weitergehe, muss ich eine Unterscheidung treffen, die mir wichtig ist. Denn nicht jedes Chaos fühlt sich gleich an.
Es gibt das Chaos, das wir einladen. Brainstorming-Sessions, in denen Regeln ausgesetzt werden. Design-Thinking-Workshops, in denen Prototypen scheitern dürfen. Momente, in denen Dinge zusammenkommen, die sonst sauber getrennt gehalten werden. Dieses Chaos ist kreativ, produktiv, gewollt. Es hat eine Absicht dahinter und meistens jemanden, der die Tür wieder aufmacht, wenn die Session vorbei ist.
Und dann gibt es das andere Chaos. Die DoS-Attacke um 3 Uhr nachts. Der Brand. Der massive Personalausfall zum ungünstigsten Zeitpunkt. Die Konkurrenz, die plötzlich KI so beherrscht, dass sie Preise am Markt hat, mit denen wir nicht mehr mithalten können. Dieses Chaos haben wir nicht eingeladen. Es kommt, und mit ihm das Gefühl, dass Ursache und Wirkung nicht mehr zusammenpassen. Dass wir nicht mehr sehen, wie es weitergeht. Erstarrung. Handlungsunfähigkeit. Angst.
Der Unterschied liegt nicht im Ausmaß der Unordnung. Er liegt in der Frage, ob wir noch das Gefühl haben, irgendetwas in der Hand zu halten.
Die Trümmer, die mich beunruhigen
Hier wird der Gedanke unbequem. Und ich muss ihn trotzdem weiterdenken.
Wenn ich die Bilder in diesen Tagen aus dem Nahen Osten sehe – Gaza, Libanon, Iran – dann sehe ich Trümmerfelder. Chaos, das sein Maximum erreicht. Und dann passiert in mir etwas Seltsames, das mich erschreckt: Die Trümmerlandschaften sehen, in ihrer radikalen Gleichförmigkeit, fast schon wieder wie Ordnung aus. Als wäre das Maximum der Zerstörung: ein Boden. Ein harter, schmerzhafter, aber dennoch: ein Boden, auf dem etwas beginnen kann.
Aber um welchen Preis.
Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Stunde Null. Edgar Reitz hat diese Schwelle 1977 in seinem gleichnamigen Film festgehalten: Menschen, die weder im Alten noch im Neuen angekommen sind – ausharrend in einem Zustand, der sich noch nicht entschieden hat. Aus dieser maximalen Destruktion entstand – über Jahrzehnte, über unvorstellbaren Schmerz – Wiederaufbau. Neue Ordnung. Auch das ein Beweis: Das Physikgesetz gilt nicht nur im Kaffeebecher.
Genau deshalb macht mir dieser Gedanke Angst. Nicht weil er falsch ist. Sondern weil er schmerzt. Weil er bedeuten würde, dass wirklich Neues erst aus den Ruinen wachsen kann.
Was das für Unternehmen bedeutet
Wenn es sich nur irgendwie verhindern lässt, dann wollen wir das Chaos nicht bis zu seinem Maximum treiben. Denn jenseits dieses Maximums liegt immer ein Ende. Oft ein gewaltsames. Immer ein schmerzhaftes. Für so viele Menschen. Für ganze Gesellschaften. Und – in abgemilderter, aber realer Form – auch für Unternehmen und Organisationen.
Wer denkt, man müsse nur lange genug ausharren, bis aus dem Chaos eine neue Ordnung entsteht, hat Recht. Aber er unterschätzt, was das Ausharren kostet. Was verloren geht, während man wartet. Welche Menschen das System verlassen, weil sie die Unordnung nicht mehr ertragen. Welche Strukturen sich in dieser Zeit unwiederbringlich auflösen.
Das Ziel ist deshalb nicht, das Chaos in ein gutes Ende zu führen. Das Ziel ist, es zu unterbrechen. Unternehmen aus der chaotischen Domäne zurück in die komplexe zu führen – wo wieder Hypothesen möglich sind, wo man sich schrittweise, tastend, in eine Zukunft hineinarbeiten kann. Wo nicht alles sicher ist, aber wenigstens Richtungen entstehen können.
Und doch liegt genau hier die Hoffnung: Organisationen sind keine geschlossenen Systeme. Energie kann von außen zugeführt werden. Wir müssen nicht warten, bis das Maximum der Entropie erreicht ist und eine neue Ordnung aus der Erschöpfung heraus entsteht. Wir können von außen Energie einbringen – durch Führung, durch Entscheidungen, durch das bewusste Zuführen von Ressourcen und Orientierung – und damit eine Basis für Gestaltung herstellen, lange bevor das System sich selbst überlassen sein muss.
Der Moment, der am schwersten ist
Es gibt einen bestimmten Moment im Chaos, den ich für den gefährlichsten halte. Das ist nicht der Anfang – da ist man noch handlungsfähig. Und es ist auch nicht das Maximum – da ist paradoxerweise irgendeine neue Orientierung oft schon im Entstehen.
Der gefährlichste Moment ist der mittlere. Der Moment, in dem das Chaos so groß geworden ist, dass man glaubt, schon näher am Ende zu sein als an einem neuen Anfang. Wo Erstarrung einsetzt. Wo die Energie ausgeht.
Genau in diesem Moment beginnt der Weg zurück in die Komplexität. Nicht weil er sich wie ein Anfang anfühlt – sondern weil er es ist. Es ist der Moment, um alles zu mobilisieren, was geht. Nicht trotz der Erschöpfung. Sondern genau wegen ihr.
Und das, denke ich, ist das Wichtigste, was ich über Chaos gelernt habe: Es ist kein Ort, an dem man ankommen will. Es ist ein Durchgang – und irgendwo in seiner Mitte, genau dort wo es am dunkelsten ist, liegt der Moment, in dem man sich entscheidet. Alle Kräfte mobilisiert. Und wieder Fahrt aufnimmt.
Chaos endet nicht im Chaos. Nie.
Quellen & Anmerkungen
- Reitz, E. (Regisseur). (1977). Stunde Null [Film]. Arthaus.
- Snowden, D. (2022). Cynefin – Weaving Sense-Making into the Fabric of Our World.
Anmerkung zur chaotischen Klippe: Das Cynefin Framework des walisischen Managementberaters, Forscher und Denker Dave Snowden wurde immer wieder skizziert, optisch aufgearbeitet, verfeinert und pointiert. Wenn ich an die Klippe denke, dann habe ich diese 3D-Zeichnung von Martin Bergs Cartoon vor Augen, das auf der 3DVerion von Rob England basiert:
https://www.vige.se/blog/2020/6/20/cynefinvige (aufgerufen am 18.03.2026)
Eine Abbildung findet sich auch in Snowden (2022) auf Seite 198.


